Schwarze Punkte

Vom Sein. Und vom Anderssein

Nachtlesen

Es ist mitten in der Nacht, ich habe gerade durch die bisherigen Blogeinträge gelesen und verfolgt, wie es mir im Laufe des letzten Jahres ging, bevor es im letzten August endgültig nicht mehr ging und ich, nach der Kündigung langsam wieder auf die Beine kommen musste.

Es ist sehr viel passiert in den letzten Monaten, über viele Formaltermine, Veränderungen in meiner Wohnung und schließlich meiner Diagnostiktermine, die mit dem Abschlussgespräch und der Diagnose “Asperger-Syndrom” endeten.

Es fühlt sich gut an, nach all der Zeit eine Antwort und gleichzeitig auch eine Art Richtlinie zu bekommen, wie ich gezielt weiter an mir arbeiten kann.

Dies kann nur der Anfang sein.

Zuzwinkern

Alle Stühle stehen im Kreis. Ich rutsche auf der Sitzfläche meines Stuhles hin und her. Und der eine, der vor dem leeren Stuhl steht, sieht umher, er dreht den Kopf, als suche er jemanden. Gleich wird er zwinkern, dass heisst, er wird entweder ein Auge oder beide Augen einmal kurz schliessen und wieder öffnen, dann muss man, wenn man der “Angezwinkerte” ist, versuchen, auf den Stuhl des Zwinkernden wechseln. Da ist der erste dran. Er entkommt. Dann ist ein anderer dran. Sein Gesicht dreht sich in meine Richtung. Er zwinkert. Bin ich gemeint? Kein anderer reagiert. Als ich versuche, aufzustehen, halten mich zwei Hände energisch fest.

Fünf Jahre später.

Ich stehe hinter einem Stuhl, auf dem jemand sitzt. Dasselbe Spiel, dieselben Regeln. Ich halte die Luft an. Der Zwinkerer bewegt seinen Kopf hin und her, ich folge ihm, ohne zu wissen, wen er eigentlich anschaut. Ich fühle mich unwohl, ich mag dieses Spiel nicht, weil ich darin nicht gut bin. Mir wird warm, ich strenge mich an, den Augen des Zwinkerers zu folgen. Plötzlich bleibt sein Gesicht in meiner Nähe stehen. Da! Die Augen gehen einmal zu und wieder auf. Noch bevor ich erfasst habe, dass die Person auf meinem Stuhl gemeint ist und ich reagieren kann, greifen meine Hände ins Leere. Die Person sitzt jetzt auf dem Stuhl des Zwinkerers. Ich habe es nicht geschafft. “Reaktion wie eine Oma” höre ich aus einem Mund und ich breche in Tränen aus. “Ja, deswegen werde ich nie meinen Führerschein machen.” Es bricht aus mir heraus. Dann die Klingel. Es ist vorbei. “Du bist doch ein intelligentes Mädchen”, sagt die Lehrerin. “Du solltest deinen Führerschein doch schaffen”. Ich kann vieles und vieles kann ich nicht. Und Tage und Situationen wie diese machen mich traurig.

Eine Art von Abwechslung

“Du siehst aus, als könntest du ein bisschen Abwechslung vertragen” sagt er, und schaut mich erwartungsvoll an. “Abwechslung?” Ich lege einen Joghurt in den Karton, den ich auf den Unterarmen balanciere. “Ja, also, mal was anderes, dass dich ablenkt.” Ich schlucke. Brauche ich Abwechslung? Natürlich brauche ich Abwechslung. Zur Abwechslung mal eine Woche, in der alles so läuft, wie geplant, in der ich um 18 Uhr im Schwimmbad sein kann, und nicht erst um 20 Uhr.Tage, an denen ich mein Abendessen vor den Nachrichten essen kann. Tage, an denen ich nicht das Gefühl habe, innerlich nicht zu Hause zu sein.

Ich brauche Abwechslung vom Chaos.

Es geht weiter…

Heute war mein Termin beim Neurologen. Ich war ein bisschen nervös, aber es lief ganz gut. Kurze Zeit, nachdem ich im Wartezimmer Platz genommen hatte, wurde ich vom Arzt in sein Sprechzimmer gebeten. Ich erzählte meine Vorgeschichte, und den “Jetzt-Zustand” und er empfahl mir, die Diagnostik auf jeden Fall durchführen zu lassen. Jetzt geht es weiter zum nächsten Schritt.

Große Pause

[Eine deutsche Grundschule, August 1989]

Es ist Pause. Überall Kinder. Ich gehe langsam, meine Füße setze ich  einen vor den anderen. Ich sollte auch spielen. Ich habe den Anschluss verpasst. Ein paar hüpfen, andere treten hinter einem Ball her. Ich bin allein, dabei muss es doch einfach sein. Ich gehe weiter, auf die andere Seite des Schulhofs. Dort sind noch mehr Kinder, ein Gemisch aus vielen bunten Jacken. Wie machen die das nur? Wann ist der Zeitpunkt, zu dem man reagieren muss, um dazuzugehören?

Da klatscht es nass in mein Gesicht. Alles ist verschwommen. Irgendwer hat gespuckt. Ich kann nicht weinen, bin nicht wütend. Auf der Toilette bin ich sicher und wische mir das Gesicht ab. Ich verstehe nicht, warum jemand so etwas macht. Ich verstehe nicht.

Flucht

[Frühling 2000, die U-Bahn]

Ich fahre einfach weg. Nehme die Bahn, die nach Süden fährt, lehne mich mit dem Kopf an die Scheibe, schliesse die Augen und höre nur die Musik, die aus den Kopfhörern kommt. Kein Telefon kann mich stören. Ich will einfach alleine sein. Draussen fliegen Bäume und Straßen  an mir vorbei, ich bin frei.

Positives

Es ist schön, wenn man merkt, dass sich plötzlich wieder Türen und Wege eröffnen, an die man nie geglaubt hätte. Es ist ein gutes Gefühl, dass es auch auf Umwegen möglich sein kann, sein Ziel zu erreichen, wenn man zeigt, dass man es wirklich will und einiges dafür zu tun bereit ist. Vielleicht ist das ein Teil der Kunst des Lebens: Herauszufinden, wohin man gehört und dann den Weg dahin zu gehen. Und nicht jeder geht den direkten Weg oder findet sein Ziel sofort. Und selbst dann hat man immer gewonnen, sobald man sich entschliesst, zu gehen.

Die falsche Antwort

Wenn man gefragt wird, wieso diese oder jene Fehler bei der Arbeit passieren und man dann, nach Formulierung einer Antwort hierauf, nur noch verständnislos angestarrt und anschliessend weiter verbal beschossen wird, fragt man sich, ob das Gegenüber eine bestimmte Antwort erwartet hat, die man zur Zufriedenstellung hätte geben müssen. Träfe dies zu, wäre es schon eine seltsame Art des Fragens.

Als Reaktion auf die Nennung von erheblichen Zeitdruck als Ursache bekommt man dann folgende Antwort:

Dann müssen Sie eben Gärtner werden oder Pförtner im Sanatorium.

Mal davon abgesehen, dass ich mir noch überlegen muss, ob ich diesen Kommentar für qualifiziert halte, müssten zumindest die femininen Wortendungen hinzufügen, damit ich mich angesprochen fühlen kann…

Falafel-Montag

Eine Möglichkeit, sich den Montag an sich zu verschönern, ist das Falafelessen zum Feierabend. Falafel ist gesünder als herkömmliches Fast Food und wenn das noch Halloumi und Koblauch dabei ist, scheint die Sonne doch gleich wieder (wenn auch nur in meiner Vorstellungskraft). Hilft auch, sich an die Vorstellung zu gewöhnen, dass man gleich noch mit dem Kellerausräumen weitermachen muss…zumindest der Magen ist voll.

Arbeitssituation ist immer noch dieselbe, meistens Schweigen von gewissen Personen und wenn etwas gesagt wird, ist der Ton unterirdisch. Aber wie sagt man doch so schön, was mich nicht umringt, das macht mich stärker?

Allen, die diese Zeilen lesen, wünsche ich einen angenehmen Montagabend.

Kein Warum

Den Grund für das Verhalten mancher Menschen zu erraten, oder dies zu versuchen, habe ich resigniert aufgegeben. Falls ich etwas wissen will, dann frage ich, und bekomme ich auf meine Frage keine Antwort, dann werde ich es dabei belassen. Dies ist einer der Verträge, die ich mit mir selbst geschlossen habe und die mir Sicherheit in schwierigen Situationen geben. Manchen Menschen können scheinbar eine ganze Zeit lang freundlich sein, so freundlich, dass man anfängt, ihnen zu vertrauen. Und dann wenden sie sich komplett um, als hätten sie ein zweites Gesicht. Ich weiss, dass dies die Antwort auf mein stellenweises “Nicht-Funktionieren” ist, welches als Arbeitsverweigerung gedeutet wird. Mir ist durchaus bekannt, dass Menschen genervt sind, wenn die Dinge nicht so laufen, wie erwartet und ich kann auch die Ungeduld verstehen, die Menschen teilweise mit mir haben. Ich kämpfe selbst teilweise damit und möchte niemanden ärgern. Aber dass ein ehemals gutes Verhältnis (kollegial bis freundschaftlich) sich schliesslich in ein Verhalten ändert, das in Richtung Schikane geht, gibt mir Rätsel auf.

Doch wie ich bereits sagte, ich habe das Rätseln aufgegeben…

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